Rota ton Karamanli!

(Zur Beachtung: der Artikel beschreibt den Zustand im Mai 2009)

Von Wilfried Jakisch

Seit vier Jahren - oder sind es doch schon fünf? – sind Argos, Nafplio und Tripoli ohne Eisenbahn, ohne dieses herrlich-urige Verkehrsmittel, mit dem man viel romantischer durch die Landschaft fahren konnte als dies je ein Auto könnte. OSE, die griechische Eisenbahngesellschaft bestellte im Jahre 1999 (die Olympischen Spiele 2004 im Blick) 17 Dieselzüge bei der Firma Stadler-Bussnang. Zum selben Auftrag gehörten auch 12 Triebwagen-Einheiten für die Peloponnes-Eisenbahn, die ja bekanntlich eine Schmalspurbahn mit 1000 mm Spurweite ist. Diese Züge werden in Kooperation mit dem kanadischen Unternehmen Bombardier gefertigt. Soweit so gut. Die Fahrzeuge sind schon 2004 ausgeliefert worden, stellt sich nur die Frage, wo die so herumstehen, denn die Bahnlinie ist tot, gewissermaßen töter als tot. Alle Schienen, Bahnübergänge, Schranken- und Signalanlagen sind erneuert, Brücken teilweise neu gebaut, Böschungen gesichert, Zäune (gegen Fußgänger) neu gebaut (teilweise aber schon wieder zerschnitten), nur die Bahn fährt nicht. Also, frage ich bei OSE nach. Mehrere E-Mails an die Pressestellen von OSE und des Transportministeriums blieben unbeantwortet. Versuch einer Klärung an der Basis:

Am Bahnhof Argos tut der Stationsvorsteher vorschriftsmäßig seinen Dienst. Er kommt früh um 8 Uhr, verlässt den Bahnhof so gegen 15.30 Uhr. Hin und wieder klingelt das Telefon. Nichts Ernstes. Züge fahren jedenfalls nicht. Ich frage nach: wann kommt denn wieder mal ein Zug? „Na, vielleicht so in 10 Tagen“ – seine Standardantwort seit sechs Monaten. Nachfrage in Korinthos-Hauptbahnhof. Dort herrscht ja immerhin richtiger Zugbetrieb. Hier fährt stündlich der „Proastiakos“ Richtung Kiato, Athen und Piräus. Zwar muss man, um zum Flughafen zu gelangen in Ano Liossia umsteigen, aber das nähme man ja gern in Kauf, wenn es überhaupt regelmäßig öffentliche Verkehrsmittel zum neuen Bahnhof gäbe. Zweimal am Tag soll ein Bus von Nafplio hierher fahren, aber nur zu Zeiten, zu denen man das gar nicht braucht. Der neue Bahnhof hat an zwei Bahnsteigen aber bemerkenswerte Schienen – einmal Spurweite 1435 mm und auf denselben Schwellen 1000 mm – Aha! Es ist also geplant, dass sowohl Proastiakos mit Normalspur, als auch die Peloponnes-Eisenbahn mit Meterspur hier fahren können. „Wann wird denn die Peloponnes-Eisenbahn hier wieder fahren“ frage ich den Mann hinter dem Schalter. „Rota ton Karamanli!“ tönt es zu meiner Überraschung zurück – Frage den Karamanlis! (den amtierenden griechischen Ministerpräsidenten). „Wird man hier vom Proastiakos Anschluss an die Peloponnes-Linie haben?“ ist meine nächste Frage. „Rota ton Karamanli!“ lautet wiederum die Antwort. „Und wann fährt der Zug wieder bis nach Patras?“ „Rota ton Karamanli!“. Nach diesen nicht gerade erschöpfenden Antworten reicht es mir, und ich gebe mich als Journalist zu erkennen. „In Ordnung, mein Freund“, sage ich „ich werde das dann mal so in die Zeitung oder ins Internet schreiben.“ „Nein!“ schreit der Schalterbeamte zurück, „das kannst du doch nicht machen. Ich weiß doch auch nichts, man sagt uns gar nichts.!“ Auf dem Weg zum Bahnsteig stößt mich ein anderer Bahnmitarbeiter an und sagt „musst du nicht so wörtlich nehmen, das ist ein PASOK-Anhänger, der meckert immer gegen die Regierung“. „Ist ja gut, aber wann fährt denn die Peloponnes-Bahn nun wirklich wieder?“ „Xero ego?!“ – Weiß ich’s?

Was ich aber jetzt endgültig weiß, ist, wie sich die wirtschaftliche Bilanz der griechischen Staatsbahn für das Jahr 2007 erklärt, die nämlich 100 Millionen Euro Einnahmen ausweist, aber 400 Millionen Euro Ausgaben. Vielleicht sollte ich ja wirklich mal den Karamanlis fragen…

Nachtrag: Pünktlich kurz vor der Eröffnung des Wahlkampfes wurde die Bahn am 1. August 2009 wieder in Betrieb genommen... siehe:

Peloponnes-Eisenbahn