Die Straße von Korinthos nach Patras gilt gemeinhin nicht als sonderlich reizvoll. Touristen sehen zu, die seit Jahren von permananten Baustellen übersähte und damit gefährlichste Straße Griechenlands so schnell wie möglich und sicher hinter sich zu bringen. Reiseführer tun ihr Übriges. Hinweise wie dieser: “Egio lohnt nur dann einen Abstecher, wenn man von hier mit der Fähre nach Agios Nikolaos auf dem Festland übersetzen will...” verleiten nicht gerade dazu, dort wirklich Station zu machen. Da nun auch noch seit Mai 2011 der Hafen von Egio ausgebaut wird und dadurch die Fährverbindung bis etwa Ende 2013 unterbrochen ist, kommen Touristen auch rein zufällig kaum auf die Idee, die Stadt zu erkunden. Um es kurz zu machen, es lohnt sich dennoch. Wir waren privilegiert, ein Freund hatte uns empfohlen, Kontakt mit Leonidas Mavroudis, einem Bauingenieur und Kommunalpolitiker, aufzunehmen. Von ihm erfahren wir, dass sich Egio in den letzten 20 Jahren zum Bananen-Umschlaghafen Nr. 1 in Griechenland entwickelt hat. Deshalb jetzt auch die Ausbauarbeiten am Hafen. Aber schon vor 150 Jahren war Egio der größte griechische Exporthafen für Rosinen. Die süßen Korinthen und Sultaninen waren so begehrt, dass gleich nach der Ernte immer schon mehrere Schiffe auf Reede lagen und darauf warteten, bis die Rosinen endlich in den zahlreichen Lagerhäusern am Hafen eintrafen und verladen werden konnten. Den Rosinenexport gibt es immer noch, er hat in den letzten Jahren sogar wieder deutlich zugenommen. Die schönen alten Lagerhäuser wurden durch Neubauten außerhalb der Stadt ersetzt, aber vor dem Verfall gerettet und bieten heute viel Raum für Nachtbars, Restaurants, Läden aller Art. Leonidas schleppt uns sogleich zum Bürgermeister der Stadt, Stathis Theodorakopoulos, der uns mitten in einer Besprechung etwas von den touristischen Highlights der Egialia vorschwärmt. Und der Mann hat Recht. Egio zerfällt in zwei Teile – die Unterstadt und die Oberstadt. Fährt man vom Hafen die Odos Michalopoulou – eine Straße mit mehr als 100jährigem Pflaster (die Straßenschäden wurden erst durch neuzeitliche Arbeiten verursacht!) – hinauf in die Oberstadt, kommt man direkt zum Archäologischen Museum der Stadt. Es wurde in der früheren Markthalle eingerichtet. Das Gebäude stammt vom deutschen Architekten Ernst Ziller, der in Egio besonders aktiv war. An etwa 20 Häusern der Stadt hat er mitgewirkt. Nach dem schweren Erdbeben 1995, bei dem in Egio 28 Personen starben, wurden diese Häuser glücklicherweise als besonders erhaltenswert eingestuft, so dass Egio heute über eine beneidenswerte Sammlung neoklassizistischer Gebäude verfügt. Eines davon, nicht weit vom Rathaus, kaufte der Athener Schauspieler und Regisseur Ahanassis Theologos. Er schaffte es, zusammen mit einigen Freunden, null Fördermitteln und viel Enthusiasmus, daraus ein Theater mit reichlich 200 Plätzen zu machen, das heute fast allabendlich auch in der Krise gut gefüllt ist. Theologis selbst spielt in einer fast immer ausverkauften Inszenierung “Marx in Soho” den Marx. Fazit: “Irgendwie haben die Leute das alles nicht so richtig verstanden. Wir müssen vermutlich von vorn anfangen. ”Die Stadt macht trotz ihrer geringen Größe einen weltoffenen und modernen Eindruck. Sehr schön ist der Blick von der Platia Iroon – dem Platz der Helden – hinunter zum Meer. Cafés und Restaurants laden zum Entspannen ein. Egio wird vermutlich in den nächsten Jahren noch mehr in den Blickpunkt rücken, denn nicht weit vor der Stadt wurden offenbar Reste der in der Antike versunkenen Stadt Hellike (Elliki) gefunden. 2003 begann die Archäologin Dora Katsonopoulou mit systematischen Ausgrabungen. Historiker erhoffen davon sensationelle Erkenntnisse über die seit 373 v. u. Z. nach einem schweren Erdbeben von einer gigantischen Flutwelle verschluckten antiken Stadt. Nach der Strukturreform per 1. 1. 2011 wurde Egio Sitz der neuen Großgemeinde Egiália (Aigiália), die sich über etwa 50 km von Lampiri bis nach Eghira am Korinthischen Golf erstreckt. Die Küstenlinie ist sogar über 60 km lang. Die Verwaltung der neuen Gemeinde wirbt mit dem Spruch „Die unerwartete Egiália“. Das ist durchaus richtig, denn vieles, was die unglaublich schöne Landschaft zu bieten hat, erwartet man wirklich nicht. Da sind zum einen herrliche Strände, die von feinem Sand bis zu scharfen Klippen alles zu bieten haben. Es gibt in einigen Küstenorten sehr schöne Strandpromenaden mit viel Leben im Sommer, aber auch Tavernen, die im Winter  „durchhalten“. Zum anderen ist es die unmittelbare Nähe zu den bis knapp 2000 Meter aufragenden Gebirgen im Hinterland. Von jedem der Küstenorte aus ist man innerhalb von maximal 15 Minuten in einer aufregenden Bergwelt mit vielen schönen Ausflugszielen. Klöster, Wasserfälle, Weingüter, Naturschönheiten. Jedes Seitental hat seinen eigenen Reiz. Von Egio aus bietet sich eine Fahrt zum Kloster „Taxiarchon“ an, von Diakofto zur Plataniotissa – der Kirche in den Wurzeln von drei Platanen, von Eghira aus zum einzigen antiken Theater mit Meerblick (Foto). Urige Taverne „O Vrachos“ - der Fels in Eghes oberhalb des antiken Theaters von Eghira. Die Taverne ist das ganze Jahr täglich geöffnet. Leckere Spezialitäten aus dem Backofen wie „Lamm Frikassé mit Löwenzahn“ - geradezu sensationell! Triandafyllos, der Wirt, der zwischenzeitlich den Kamin heizt - Funken hinterließen Löcher in seinem Hemd - und Sofía, seine Tochter, freuen sich immer über Gäste. Im Sommer organisiert der rührige örtliche Kulturverein immer Freitags Freilichtkino mit lustigen alten griechischen Filmen - auch für nicht Griechisch Sprechende sehr amüsant! Dazu gibt es Souvlaki. Leonidas Mavroudis spricht mit Begeisterung von den außergewöhnlichen Weinen der Egialia und steuert schnurstracks zum Weingut seines Freundes Angelos Rouvalis, das oberhalb von Egio wie ein Kloster an einem Berg hängt. Beiläufig erzählt er, dass das Projekt von ihm stammt. Rouvalis wollte ein Weingut, das ohne Pumpen auskommt. So erdachten beide das vertikale Prinzip der Produktion. Anlieferung der Trauben ganz oben im sechsten Stock, Waschen und Quetschen der Trauben darunter, Gärung wieder ein Stock tiefer, Abfüllung im „Erdgeschoss“, Lagerung im Keller usw. Die Technologie ist dabei allerdings nur ein Detail, wenngleich kein unwesentliches. Die Weine von Angelos Rouvalis sind  inzwischen europaweit bekannt. Sein Roditis „Asprolitho“ bekam 2010 in Berlin eine Goldmedaille. Das Geheimnis der guten Weine der Egialia liegt im besonderen Mikroklima der Hügel oberhalb des Korinthischen Golfs. Das wusste man offenbar schon in der Antike. Fazit: Es lohnt sich durchaus, einen Abstecher nach Egio zu machen. Hat die Fahrt von Korinth Richtung Patras zu sehr genervt, dann nichts wie ‘runter vom highway und Pause in der Aigialia, der “Unerwarteten” - zumal die Gegend reichlich nette Übernachtungsmöglichkeiten bietet. Wir entschieden uns für die “Harmony-Apartments” in Longos. Sehr zu empfehlen! home